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Prolog

Haben Sie jemals eine Eidechse beobachtet, die der Schwerkraft trotzt, regungslos an der Mauer haftet wie ein Gemälde, während sie die Wärme der Sonne geniesst? Ich schon. Ich habe Hunderte, vielleicht Tausende gesehen, die blitzschnell über mich huschten, um dann plötzlich innezuhalten, zu Stein zu werden, in Erwartung irgendeiner unmerklichen Bewegung in der Luft, die sie wieder aufschrecken würde. Deshalb nannte man mich einst Casa Lucertola; heute heisse ich Casa Ribeiro. Möchten Sie wissen, wie und wann ich meinen Namen gewechselt habe? Und vor allem: Wo kann man mich finden?

Kapitel I

Als die Keller noch geöffnet waren

Ich wurde vor einigen Jahrzehnten erbaut, am Rand des historischen Dorfkerns von Robasacco, an den Hängen des Monte Ceneri, im Herzen des Kantons Tessin.

Ich war das Kopfgebäude der kleinen Piazzetta, die Kulisse der Märkte, der Feste, die den Rhythmus der Jahreszeiten bestimmten — der Herbstfeste der Weinlese und jener Momente, in denen die Keller geöffnet wurden, um den neuen Wein zu kosten. Feste, die in den Erinnerungen der älteren Bewohner der Fraktion noch leben. Sogar in einem Bild des Malers Hans Bins bin ich verewigt: Er malte mich 1975 und ich war die Kulisse eines seiner Gemälde, das den Markt von Robasacco darstellte.

Kapitel II

Wassergeschichten

Ich habe Ihnen gesagt, dass man mich Casa Lucertola nannte. Der Name entstand, weil ich wegen meiner Sonnenlage und meiner Lage am Rand des Dorfes — als letztes Gebäude vor den Feldern — schon immer von diesen kleinen Reptilien bevorzugt wurde. Meine früheren Besitzer freuten sich darüber, so sehr, dass sie im Garten eine Steinskulptur in Form einer Eidechse aufstellten.

Neben der Sonne ist Wasser das andere Element, das die Tierchen anzieht. Und davon fehlt es mir nicht. Es gibt einen kleinen, namenlosen Bach, der in keiner amtlichen Karte verzeichnet ist und der in mein Grundstück mündet. Bei starkem Regen schwillt er an; man hat deshalb eingegriffen, um seinen Lauf zu verändern und ihn zu sichern. Das geschah, als die Strasse zu den Bergen von Megiagra gebaut wurde, in den Jahren, in denen im Tal die Autobahn A2 entstand, die Italien mit Lugano und Bellinzona verbindet und sich bis jenseits des Gotthards erstreckt.

Er hat mich stets mit dem Rauschen seiner kleinen Wasserfälle begleitet; kurz vor meinen Mauern aber versinkt er im Boden und verschwindet, um einige Kilometer weiter unten wieder aufzutauchen und sein Wasser durch weitere Bäche dem Ticino und dem Lago Maggiore zuzuführen.

Sein Verschwinden im Erdreich ist das Ergebnis der Terrassierungen, die die Bewohner von Robasacco über Jahrhunderte vorgenommen haben, um Weinreben und Obstgärten anzulegen, Gemüsegärten zu bestellen. Auch das Wasser hat dabei mitgewirkt: Es hat Steinplatten geglättet, sie talwärts getragen und so Material geschaffen zum Bauen, Abgrenzen und Schmücken.

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Kapitel III

Der Lauf des Schicksals

In Richtung Bellinzona, an den Grenzen meines Grundstücks, fliesst ein grösserer Bach, der den Hang tief eingeschnitten hat und so ein Hindernis zwischen den beiden Ufern bildet, das nur oberhalb von Robasacco überquerbar ist, auf dem Weg zu den höher gelegenen Fraktionen.

Zu meinen Liegenschaften gehört auch ein Grundstück unterhalb des Wendeplatzes, mit einem direkten Zugang zum Bach über einen Pfad, der zum Wasserfall darunter führt. Ein unwegsames Gelände, das früher nur von der Feuerwehr genutzt wurde, um im Brandfall Wasser zu schöpfen, das aber direkten Kontakt mit einer rauen und unwirtlichen Natur bietet, die von Energie durchdrungen ist und den Lauf der Dinge bezeugt. Und ich bin ihm besonders verbunden, denn jetzt heisse ich Casa Ribeiro — auf Portugiesisch «Bach», «Fluss». Um zu verstehen, warum ich diesen Namen trage, müssen wir jedoch einen Schritt zurückgehen.

Kapitel IV

Die drei Marthas

Wie Sie sicher bemerkt haben, befinde ich mich in einem bemerkenswerten Umfeld. Das kleine alte Dorf auf der einen Seite, Felder und Wälder auf der anderen, Wasserläufe, die mir Melodien zuflüstern, und der Blick, der sich über Bellinzona und die Magadinebene erstreckt. Ich erinnere mich nicht mehr genau, wer mich erbaute, doch die Gründe dafür fehlten sicher nicht. Ich weiss noch, dass Johann und Martha, die aus Baar im Kanton Zug stammten, mich als Ferienhaus wählten. Sie waren nicht allein: Viele andere Eidgenossen kamen vor und nach ihnen und erwarben einige meiner «Schwestern» in Robasacco. In den Sechziger- und Siebzigerjahren verkauften die Tessiner ihre Liegenschaften im Dorf nämlich häufig an Käufer von nördlich des Gotthards. Diese fanden hier einen ruhigen Ort mit unvergleichlichem Ausblick zu Preisen, die weit unter jenen der bekannteren Seelagen lagen.

Nach den Sommerferien kehrten Johann und Martha jedoch über die Alpen zurück und überliessen Marta und Francesco die Aufgabe, mich zu hüten.

Bis eine dritte Marta kam, mit ihrem Mann Christian. Und mein zweites Leben begann, ich fand einen neuen Namen.

Kapitel V

Zwischen Contone und dem Douro

Marta und Christian Rivola gründeten Anfang der Zweitausenderjahre MCR, eine Immobiliengesellschaft für den Familienbesitz. Die ersten Häuser, die zu MCR kamen, lagen in Cadenazzo; dann folgte Casa Lucas (auf der anderen Seite von Robasacco, in Richtung San Leonardo), und schliesslich war ich an der Reihe. Die Familie von Christian Rivola hat Wurzeln, die sich mit der Geschichte von Contone, Cadenazzo und Robasacco verflechten: Sie atmet Sopraceneri. Jene von Marta hingegen reicht bis ins portugiesische Douro-Tal. Jetzt verstehen Sie, woher Ribeiro kommt? Es ist Martas Mädchenname. Und ich trage ihn mit Stolz, ich, das letzte Haus vor dem Ribeiro, vor dem Bach.

Kapitel VI

Ich wachse

Christian ist Architekt und erkannte in mir sofort ein Potenzial: das einer Erweiterung und Umgestaltung. Die Gelegenheit für einen neuen Eingriff, der dem Ensemble mehr Harmonie verleihen und Gebäude, Felder, Wälder und alten Dorfkern miteinander ins Gespräch bringen könnte. Wie er mit seinem Fachvokabular sagt: «Die Schauseite zur Piazzetta wurde durch die Schaffung einer besser proportionierten Strassenfassade gefestigt.» Im Wesentlichen bin ich um ein Stockwerk gewachsen und habe mich nach Osten, in Richtung Bellinzona, ausgedehnt. Das neue Volumen hat sich mit dem vorhandenen harmonisiert, Casa Lucertola hat den Kokon verlassen und ist zu Casa Ribeiro geworden. Heute bin ich ein Haus mit mehreren Wohnungen, bewohnt von Menschen, die in mir einen idealen Ort gefunden haben, um in einem offenen Raum, in Kontakt mit der Natur, und zugleich in einem Dorf zu leben, das viele Geschichten zu erzählen hat.

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Epilog

Ein alter Weg

Hier in Robasacco werden die Geschichten beim Gehen erzählt, Schritt für Schritt, auf den alten Pfaden, beim Lesen der Anekdoten und Begebenheiten, die auf den Tafeln der Via del Ceneri festgehalten sind. Es ist ein heute neu entdeckter Wanderweg, von Cadenazzo nach Robasacco und von dort zum Passo del Monte Ceneri, der alten Furten und Kastanienhaine ihren Wert zurückgibt. Denn hier zogen jene hindurch, die die Alpen überqueren wollten oder von dort herabstiegen: Dies war die Strada Francesca, die später zur Strasse der Karawanen und der Postkutsche wurde, bevor sie der Kantonsstrasse, der Eisenbahn und der Autobahn Platz machte. Hier verweben sich Geschichten von Menschen, die von weit herkamen, um den Fels zu sprengen, mit jenen von Robasacchesi, die aufbrachen, um den Ozean zu überqueren. Man muss nur das Tor öffnen und sich auf den Weg machen, um in einer fernen Zeit zu atmen und in die Ferne zu blicken.