Prolog

Haben Sie jemals das Gefühl gehabt, unvollständig zu sein? Als fehlte Ihnen eine Hälfte, ein Teil Ihrer selbst? Ich habe dieses Gefühl seit fast einem Jahrhundert. Mein Name ist Casa Lima, und ich stehe in Cadenazzo, an der Kantonsstrasse, die zum Monte Ceneri führt. Ich erzähle Ihnen, wie es ist, mit einer Hälfte zu leben, und wie man auch nach hundert Jahren seine Seelenverwandte finden kann. Selbst wenn sie einem in allem verschieden ist.

Kapitel I

Auf der anderen Strassenseite

Als ich zwischen 1916 und 1924 erbaut wurde, gab es entlang der Strasse zum Monte Ceneri nur wenige Gebäude: Kirche und historischer Ortskern von Cadenazzo lagen am anderen Ufer des Riale Pianturina. Kurz nach meiner Errichtung sah ich gegenüber jenes Gebäude aufragen, das später Casa Irma werden sollte: elegant, kompakt und dabei unverkennbar; damals so allein wie ich. Ich habe es immer ein wenig beneidet. Warum? Man braucht nur meine Südseite zu betrachten: ohne Dachschrägen, ohne Dach, asymmetrisch zur gegenüberliegenden Seite. Als hätte ein Riese mich entzweigeschnitten und mein Ebenbild davongetragen.

Kapitel II

Das Leben als Unvollendete

In fast einem Jahrhundert habe ich erlebt, wie sich die Welt um mich herum verwandelt hat. Der Asphalt kam, die Autobahn wurde gebaut, und die umliegenden Grundstücke füllten sich mit neuen Häusern und Bauten. Meine ältere Schwester auf der anderen Strassenseite, Casa Irma, hat sich verändert, ist gewachsen und hat zeitgenössische Linien hinzugewonnen. Neue Gäste kamen, sie wurde zu einem Ort für Projekte und Begegnungen, zu einem lebendigen Raum der Visionen. Ich hingegen bin immer unvollendet geblieben. Keine Familie wollte meine zweite Hälfte errichten. Keine wollte meine Silhouette vervollständigen. Die Symmetrie blieb für mich ein Traum. Auch wenn unter meinem Dach das Leben leidenschaftlich war und sich vier Generationen abwechselten, alle verbunden durch Liebe zur Erde und zur Geselligkeit. Einst reichten meine Ländereien bis zur Kurve der Kantonsstrasse; sie waren mit Reben bepflanzt. Es gab Obstbäume: Birnen und Äpfel, und Heilkräuter; noch heute steht ein alter Rosmarinstrauch. Den Garten schmücken eine stattliche Fichte aus dem Jura, Mitte der Vierzigerjahre gepflanzt, und ein Magnolienbaum. Früher stand im kleinen Nebengebäude ein Weinbottich, hier wurde Wein gemacht und Grappa gebrannt, während unter dem Patio gegrillt, gesungen und gefeiert wurde. Die Nachkommen zogen in die Romandie und die Deutschschweiz, kehrten aber immer wieder zurück. Sie trugen Zuneigung für mich, wie ich für sie. Doch ich blieb immer unvollendet. Bis…

Kapitel III

Wie die grosse Schwester

Im Jahr 2022 wurde ich von mcr Family Real Estate erworben, demselben Eigentümer wie Casa Irma. Der Architekt Christian Rivola, Inhaber von mcr, ist auch Direktor von atelier ribo+, dem Architekturbüro mit Sitz in Casa Irma. In mir sah er die Möglichkeit, Architektur weiterhin als Entwicklung und Harmonie zu begreifen. Ich werde mich erweitern. Mein Körper wird sich mit einem neuen Baukörper mit zeitgenössischeren Linien verbinden. Auch ich werde meine Hälfte finden, meine Ergänzung: nicht mein Spiegelbild, sondern einen neuen Körper, mit dem ich mich verbinden werde.

Kapitel IV

Die richtige Mischung

Das Projekt, das ribo+ für mich entworfen hat, sieht eine Erweiterung über drei Geschosse vor: Wohnlösungen für Paare, Einzelpersonen oder Studierende, dazu Büroflächen und offene Grossraumbereiche. Besondere Sorgfalt wird auch dem Garten gewidmet. Die Grünfläche wird zu einem Raum zum Auftanken, denn ich habe immer eine starke Energie um mich gespürt. Und das Dach, wie bei Casa Irma, wird sich in eine Rooftop Terrace verwandeln, wie man heute sagt: zum Blick in die Weite, zum Geniessen der Sonne, zum Entspannen und Vergnügen.

Ich bin gespannt, jene zu erleben, die mich formen und vollenden werden, und noch mehr freue ich mich darauf, die Namen und Gesichter derer kennenzulernen, die in mir wohnen und arbeiten werden. Ich sehe gerne Projekte entstehen und lerne gerne jene kennen, die unserer Welt mehr Gleichgewicht und Harmonie geben möchten. Und vor allem jene, die mir zu meinen 100 Jahren ein neues Stück von mir selbst schenken wollen.

Epilog

Dem Ozean gegenüber

So bin ich nun Casa Lima geworden. Es ist der Nachname des Vaters von Marta, der Frau von Christian und meiner anderen Eigentümerin. Ein Name, der an ihr Herkunftsland erinnert, Portugal, wo er eine Zitrusfrucht bezeichnet: die Limette. Das lusitanische Land ist eine Nation, die mit Klippen endet, die steil ins Meer abfallen, als wäre auch sie in der Mitte durchgeschnitten worden, wie ich. Doch ihr Volk verstand es, die geografischen Hindernisse zu überwinden und neue Welten jenseits der eigenen Grenzen zu entdecken. Auch ich bin bereit, über die eigenen Grenzen hinauszugehen.