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Prolog

Ich heisse Irma, doch getauft hat man mich nicht gleich; es vergingen einige Jahrzehnte, bevor ich wusste, wie ich heisse. Diesen Namen aber hatte ich schon lange in meinen Zimmern widerhallen gehört. Ja, Sie haben richtig gelesen: in meinen Zimmern. Denn ich bin ein Haus, und seit den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts sehe ich die bunte Menschheit vorüberziehen, die von Cadenazzo hinauf zum Monte Ceneri strebt. Wo war ich stehen geblieben? Verzeihen Sie, aber ich bin fast hundert Jahre alt. Bei meinem Namen? Richtig. So war es. Doch der Reihe nach. Es ist eine lange Geschichte. Aus vielen Geschichten zusammengesetzt. Sind Sie nicht neugierig, sie kennenzulernen?

Kapitel I

Zwischen Kriegswinden

An mein Geburtsdatum erinnere ich mich nicht, und selbst in den Katasterplänen — dem Personenstandsregister von uns Häusern — findet sich keine Gewissheit. Einen gibt es, etwas verblasst, auf dem meine Umrisse bereits zu erkennen sind, doch das Datum lässt sich nicht recht entziffern. Mit ein wenig Koketterie könnte ich mir ein paar Jahre abziehen; in den Dreissigerjahren jedenfalls, das kann ich Ihnen versichern, ragte mein Dach bereits empor. Erbaut hat mich eine bekannte Familie der Gegend. Europa hatte erst wenige Jahre zuvor die Kanonen verstummen sehen. Lange hatten sie gedonnert, während dessen, was man den Grossen Krieg nannte; als er endete, ahnte niemand, dass binnen zweier Jahrzehnte ein weit schlimmerer folgen würde. Damals waren die Nationen Europas bereit, das Blut ihrer Söhne zu vergiessen, nur um die eigene Fahne ein paar Meter weiter wehen zu sehen. Und die Winde, man weiss es ja, wirken wie ein leiser Hauch und werden plötzlich zum Sturm, den niemand mehr aufhält. Erst recht, wenn es Kriegswinde sind.

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Kapitel II

Soldaten und künftige Gemeindepräsidenten

Geformt haben mich die Steine aus den Steinbrüchen des Verzascatals, eines herben Tals, wo die Menschen aus demselben Stoff gemacht schienen wie die aufragenden Felswände. Mein Blick hingegen verliert sich über der Magadinoebene, schweift nach Osten zum Lago Maggiore und nach Westen Richtung Bellinzona. Meine ersten Gäste waren jene Arbeiter, die mich erbaut hatten; dann kam der Eigentümer. In manchen Zeiten aber, ich erinnere mich, herrschte ein reges Kommen und Gehen. Ich war zur Unterkunft der militärischen Kader geworden: Sie hielten sich bei mir auf, solange ihre Ausbildung dauerte, und verabschiedeten sich dann eilig, um ihren Einsätzen nachzugehen — das geschah allerdings erst viele Jahre später. Zuvor beherbergte ich zwischen meinen Mauern Aurelio Lafranchi, als er ein frisch vermählter Ehemann war, in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Später wurde aus diesem schneidigen jungen Mann der Gemeindepräsident des Dorfes. Ein Gemeindeoberhaupt, an das sich die älteren Einwohner von Cadenazzo bisweilen noch mit Zuneigung erinnern. Und dann kam Irma.

Kapitel III

Die sanfte Dame

Irma war an einem Frühlingstag des Jahres 1918 in Robasacco (heute ein Ortsteil von Cadenazzo) zur Welt gekommen, in den letzten Monaten jenes Grossen Krieges, als die Geissel der «Grippe» — die «Spanische» genannte Influenza — auch unter den jungen Menschen wütete, die nicht an der Front standen. Rund zwanzig Jahre später hatte sie einen Dorfgenossen geheiratet, Anselmo Albertoni, und 1950 zog ihre Familie unter mein Dach. Für sie war ich das Vaterhaus; erbaut wurde ich nämlich auf Wunsch von Anselmos Adoptivvater. Aus ihrer Liebe gingen drei Kinder hervor: Severino, Silvano und Iris. Doch eine Tragödie, ein Arbeitsunfall, setzte dem Leben von Irmas Ehemann mit nur 45 Jahren ein Ende. Sie blieb allein zurück, die Kinder waren herangewachsen, und dennoch entschied sie sich, nicht wieder zu heiraten. Stets empfand ich grosse Zuneigung für sie. Eine Vertrautheit unter Frauen. Schweigen und Lächeln.

Kapitel IV

Gesellschaft zieht ein

Von meiner privilegierten Lage aus, entlang der Ceneri-Strasse und mit Blick auf die Ebene, habe ich Tag für Tag verfolgt, wie sich das Tessin wandelte. Jener Kanton, der viele seiner Kinder hatte auswandern sehen, auf der Suche nach dem Glück, bis nach Amerika oder Australien, setzte den wirtschaftlichen Motor in Gang, und die grossen Überbauungen entstanden (haben Sie bemerkt, dass ich bisweilen eine Architektensprache verwende? Den Grund dafür werden Sie bald erfahren). Kurzum, viele Jahre lang hatte ich keine anderen Gebäude neben mir gehabt, dann auf einmal hatte ich Gesellschaft gefunden. Wie in einem Mosaik reihten sich die Bauten aneinander, von Locarno Richtung Lugano und weiter nach Bellinzona. Die Strassen, welche die Menschen des Sopra- und des Sottoceneri verbanden, füllten sich mit Autos, mit Wohnhäusern und mit Geschäften. Schon rund dreissig Jahre vor meiner Geburt hatte man die Via Monte Ceneri angelegt, jene, an der ich unter der Nummer 67 stehe. Sie diente dazu, den Weg von Locarno nach Bellinzona zu verkürzen, ohne über die Via Camoghé fahren zu müssen.

Kapitel V

Das Dröhnen der Motoren

Ich erinnere mich, dass die Arbeiter, während ich Gestalt annahm, noch über das für sie unglaubliche Schauspiel sprachen, das sie entlang der neuen Strasse erlebt hatten. Sie redeten von jenem 30. September 1922 wie von einem denkwürdigen Ereignis. Die Asse des Lenkrads hatten sich mit ihren Boliden an der Unterführung der Morobbia verabredet; dort fiel der Startschuss zum Rennen über den Ceneri. Das Ziel lag auf der Passhöhe. Unter den Arbeitern gab es Anhänger von Emilio Trudel, dem Sieger, und solche von Attilio Maffei, der auf dem fliegenden Kilometer mehr als 112 Stundenkilometer erreicht und die Schlusswertung angefochten hatte. Doch manche fieberten auch mit Norel, Sabatini, Varini und Salvioni mit. Allesamt Vorkämpfer jenes heldenhaften Automobilsports.

Kapitel VI

Neue Formen

Einst trug ich auf meinem Ausweis keine besonderen Kennzeichen. Erbaut wurde ich in klassischer Form. Dann aber habe auch ich mich weiterentwickelt. Der symmetrischen Silhouette fügte man einen seltsamen, vorspringenden Baukörper hinzu, der die Küche und die Bäder beherbergte. Bäder, die jenen einer Sportgarderobe glichen, mit Duschen und Toiletten. Ein Missverhältnis im Vergleich zu den Wohnräumen. Zum Glück hatte man die Umsicht, mich auf der Rückseite umzugestalten, hin zum Hühnerstall, zum Holzschuppen, zum Kaninchenstall und zu den Obstbäumen. Die Grenze meines Grundstücks zieht der Bach Pianturina. Mir gefällt der Gedanke, dass meine Grenzen vom Wasser bestimmt werden. Frisch, beweglich, schillernd, stets im Werden und Kinder des Rhythmus der Jahreszeiten. Das Wasser, das vor uns dahinfliesst, versöhnt uns damit, dass wir in den Fluss der Dinge eingetaucht sind. Jener Bach auf der Rückseite, im verborgensten und innersten Bereich meines Grundstücks, der das Gegenstück zum Eingang an der vielbefahrenen Strasse bildet, ist ein Quell von Energie; er ist das buen retiro, in dem man die alltäglichen Erfahrungen des Lebens fliessen lassen kann, um beim hypnotischen Plätschern zur Ruhe zu kommen und sich mit der Kraft des Wassers aufzuladen.

Kapitel VII

Eine Welt im Fluss

Eines Tages dachte ich daran, wie viele Tausende, vielleicht Millionen Menschen an mir vorübergegangen sind. Jene, die mich keines Blickes würdigten, weil sie auf ihren Fahrten zwischen dem Norden und dem Süden der Alpen am Steuer sassen. Jene, die mich täglich sehen, weil sie auf dem Weg zur Schule oder zur Arbeit sind, und dann jene, die neugierig vorbeispazieren und innehalten, um den von einer Pergola überdachten Weg zu betrachten, der auf die Via Monte Ceneri hinausführt. Ein offener Raum, der Erholung und Musse für jene, die mich bewohnt haben, und eine Einladung zu einem kleinen Schwatz für jene, die für eine Rast verweilen. Heute ist das Grundrauschen lauter geworden, doch anfangs kündigte mir der Klang der Pferdehufe auf der unbefestigten Strasse das Vorüberfahren einer Kutsche an. Manchmal glaubte ich auch die Schritte der Menschen entlang der Strasse zu hören, das Rufen der Mütter, ferne Stimmen aus der Osteria. Und dann nur der Klang der Glocken, wenn die Prozessionen von der Kirche San Pietro her vorüberzogen, mit dem Leichenwagen auf dem Weg zum Friedhof.

Kapitel VIII

Die Kreuzungen des Schicksals

So sind wir Häuser nun einmal. An einem Tag durchquert uns ein Heer, an einem anderen bleiben wir leer, ohne Schritte und Worte, die in uns widerhallen. Es kam nämlich der Tag, an dem Irma Albertoni mich verliess und mich ihres einzigartigen, mitreissenden Lächelns beraubte … Ja, denn einem dieser Lächeln verdanke ich die Möglichkeit eines zweiten Lebens. Ich erinnere mich an einen Jungen, der vom Haus seiner Grossmutter mütterlicherseits jeden Tag an mir vorbeikam, um zur Schule zu gehen. Er sah zu mir herauf, vor allem aber hielt er Ausschau, ob Irma vor dem Haus stand, für einen Gruss und ein Lächeln. Bisweilen verstehen sich die jüngeren und die reiferen Generationen besser, weil sie nicht auf Äusseres oder Stellung achten; ihnen geht es um Freundschaft und ein gutes Herz. Nun ja, ich heisse Irma, weil jener Junge herangewachsen ist, zum Mann, zum Ehemann und zum Vater wurde. Zusammen mit Marta hat er meine Mauern gekauft, sie wieder instand gesetzt und mich nach der Dame benannt, die ihm auf dem Schulweg ihr Lächeln schenkte.

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Kapitel IX

Eine neue Jugend

Jener Junge war im Heranwachsen Architekt geworden. Sein Name ist Christian Rivola, und als er mich erwarb, begann er zu überlegen, was mit einem Haus zu tun sei, das nun ins hohe Alter gekommen war. War es besser, mich abzureissen und neu zu errichten, oder konnte er mich erneuern? Am Ende entschied sich Christian, mich zu behalten und umzugestalten. Warum? Ich glaube, in mir vermochte er die Geschichte der Orte seiner Kindheit gemeinsam mit seiner beruflichen Zukunft zu erkennen. Das begriff ich, als er die Farben für mich wählte: das warme Ocker, um die Vergangenheit zu färben, und auf der anderen Seite das Weiss, wie das eines Blattes, auf dem man die Pläne von morgen niederschreibt. Oder als er mein grafisches Zeichen ersann, ein Logo, das mein terroir treffend zusammenfasst (verstehen Sie nun, warum ich diese Begriffe verwende? Weil ich sie unablässig von Christian höre …). Es stehen für mich die Sonne, das Wasser, die Erde und der Verkehrsweg. Sozusagen die Wurzeln und die Reise, denn um irgendwohin zu gelangen, muss man wissen, woher man kommt.

Kapitel X

Eine Lebensschule

Für Christian war ich auch ein Übungsfeld. Um mich umzugestalten, legte er selbst Hand an, als Hilfsarbeiter und als Handwerker. Denn Christian stellt sich gern auf die Probe, macht sich die Hände schmutzig, schlüpft in die Rolle der anderen, um seinen menschlichen Erfahrungsschatz zu bereichern. Erfahrungen, die dazu dienen, besser zu leben und besser zu planen. Noch heute erinnere ich mich an sein Staunen, als er hinter den Türzargen die Zeitungen aus den Sechzigerjahren entdeckte, die man dort eingelegt hatte, damit die Konstruktion besser an der Wand haftete. Und dann hielt er all die Details fest, die Verzierungen, die erhalten gebliebenen Einzelheiten, um anschliessend zu entscheiden, welche zu bewahren, welche aufzuwerten und welche in Zeugen und Botschafter meiner Vergangenheit zu verwandeln seien — einer Vergangenheit, die auch jene einer ländlichen und nachhaltigen Kultur ist, einer Welt vor den Fabriken, vor den Autokolonnen. Einer Welt, die sich nicht mit einem Anstrich Kalk auslöschen lässt. Einer Welt, die es neu zu deuten gilt.

Kapitel XI

Eine neue Rolle

Heute bin ich die Casa Irma; Christian hat mich zum Hauptsitz seines atelier ribo+ gemacht, und ich beherberge auch andere kreative Tätigkeiten wie Key Design. Ich habe sogar eine Ecke für Geniesser, den Keller, der die Erzeugnisse von MCR terroir birgt: Weine, Eingemachtes, Honig und weitere Köstlichkeiten, welche die Tessiner Erde mit jener des portugiesischen Douro verbinden, der Heimat von Marta, Christians Ehefrau, dem M von MCR. Sie ist die kultivierte Dame, die mit Christian und den gemeinsamen Kindern (inzwischen stattliche junge Männer) in der Casa Rivola wohnt, dem Haus nahe am Bach, dem Gebäude auf dem Grundstück neben dem meinen. Heute wird in meinen Zimmern, dank Christian und seinen zahlreichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, geplant, beraten und erdacht, wie sich das Leben der Menschen verbessern lässt, wie sich unsere Städte und unsere Landschaften schöner gestalten lassen.

Kapitel 12

Vom Wohnhaus zum Atelier

Als Christian mich kaufte und umbaute, stand ihm klar vor Augen, dass ich der Raum sein sollte, in dem sein Architekturbüro wachsen würde, um es in ein Atelier zu verwandeln, in eine Werkstatt, die den Projekten ein + hinzuzufügen vermag. Damals jedoch waren die Räume grösser als seine beruflichen Bedürfnisse. Deshalb blieb ich mehrere Jahre lang auch ein Zuhause, im Sinne einer Wohnung, die eine Familie beherbergt. In einem Teil der Wohnräume zog Martas Schwester mit ihrem Mann den kleinen Edy gross. Er war ein besonderes Kind, besonders, weil er mehr Hilfe und mehr Aufmerksamkeit brauchte, weil er nicht gehen konnte. Und doch liess das Aufwachsen unter demselben Dach wie die Gemeinschaft von ribo+ Edy und seine Familie jenes Plus an Zuneigung und Gefühl entdecken, das man zu geben vermag, wenn der Wind des Lebens aus der Gegenrichtung geblasen hat. Heute ist auch Edy ein junger Mann und vor einigen Jahren mit seiner Familie in die Casa Giuliana gezogen, ein Gebäude unweit meiner Mauern. Doch ich sehe ihn noch immer zu mir ans Fenster blicken. Ich habe keine Augen, um ihm zuzuzwinkern, und keine Hände, um ihn zu grüssen, doch ich denke stets an ihn; mir fehlt seine Stimme in meinen Zimmern.

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Epilog

Dem zweiten Jahrhundert entgegen

Ich fühle mich als Teil dieser grossen Familie, die mich aufgenommen hat, verjüngt und zu einer aktiven Rolle erhoben, anders als die wohnliche Rolle meiner Schwestern, die neben mir stehen. Zwischen meinen Mauern habe ich die Ideen für neue Gebäude und Quartiere entstehen sehen, aber auch grosse Bündnisse für das Gebiet geschlossen werden, etwa für die Ländereien des Ceneri. Heute beherberge ich tatkräftige Unternehmen und Institutionen, die mit den Werten der Vergangenheit in die Zukunft investieren, wie die Pro Cadenazzo e Robasacco. Die Umgestaltungsarbeiten gingen weiter, und nun hat man mir einen neuen Titel verliehen. Über dem Eingang steht «Campus Casa Irma».

Von allem, was geschieht, bin ich nur eine stumme Zuschauerin; ich beschränke mich aufs Beobachten, doch hoffe ich, dank der Erinnerung, die ich an die Vergangenheit bewahre, die Ideen und Entscheidungen Christians und derer, die mit ihm zusammenarbeiten, ein wenig beeinflussen zu können. Ich möchte den Respekt für das vermitteln, was gewesen ist — das gewiss verbessert werden muss, aber auch wiederentdeckt und nie vergessen werden soll. Wenn es mir widerfahren ist, die ich meinem zweiten Jahrhundert entgegengehe, neu belebt von der Energie, die meine Gäste erzeugen, dann kann es auch andernorts geschehen. Nah und fern.

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