Geschichten zum Bewohnen

Casa Giuliana

Bagno +1

Prolog

Ich heisse Giuliana. Auch wenn keine Giuliana, soweit ich mich erinnere, je zwischen meinen Mauern gelebt hat. Ich heisse Giuliana, weil es der Name einer Frau ist, die für meine heutigen Eigentümer viel bedeutet hat und noch immer bedeutet. Doch bevor ich von ihnen und von jenen erzähle, die in mir wohnen, möchte ich etwas über meine Geschichte berichten.

Kapitel I

Ich und meine Schwestern

Ich wurde gegen Ende der Achtzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts erbaut. Entworfen hat mich 1986 das Architekturbüro Habitat SA von Daniele Villa und Diego Gianetti. Im folgenden Jahr kam die Baubewilligung, und errichtet wurde ich von einem der ersten Betriebe, der im Tessin Holzhäuser realisierte: Rubner.

Ich stehe in Cadenazzo, an der Via Monte Ceneri, jener Strasse, die aus der Ebene hinauf zum gleichnamigen Pass führt. Auf einer Seite grenze ich an Casa Irma, auf der Rückseite – Richtung Riale Pianturina – an Casa Rivola. Man könnte sie als meine Familie bezeichnen: Auch sie gehören heute zu MCR Family Real Estate. Von uns dreien bin ich die Letzte, die dazugekommen ist.

Kapitel II

Eine Familie aus Italien

Gekauft hat mich die Familie Minoggio, Einwanderer aus Italien, die im Dorf eine Metzgerei eröffneten – genau hier, an der Via Monte Ceneri. Ich wurde mit einer doppelten Bestimmung konzipiert: eine grössere Wohneinheit, ideal für eine Familie, und eine kleinere, untergeordnete – eine Art Dependance. Neben mir, Richtung Kantonsstrasse, wurde mein Zwillingshaus errichtet. Die Neunzigerjahre vergingen, dann die Nullerjahre, und schliesslich änderte sich mein Schicksal. Ich blieb Familienhaus wie zuvor – wie auch mein Zwillingshaus –, doch dank besonderer Gäste verwandelte ich mich innerlich.

Kapitel III

Der kleine Edy

Im Haus nebenan, Richtung Berg, Casa Irma genannt, hatten sich in den frühen Zweitausenderjahren ein Architekturbüro, eine Grafik- und Werbeagentur sowie eine Familie mit einem kleinen Kind niedergelassen. Edy heisst er, und alle standen ihm und seiner Familie bei, denn er konnte ohne Hilfe weder laufen noch sich fortbewegen – anders als die meisten Kinder. Er hatte besondere Bedürfnisse, um sich bewegen zu können, und mit dem Heranwachsen brauchte er mehr Raum.

So beschlossen Marta und Christian Rivola, Edys Onkel und Tante und Eigentümer von Casa Irma, mich zu erwerben.

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Kapitel IV

Innere Revolution

Christian, der auch der leitende Architekt von atelier ribo+ ist, jenem Büro, von dem ich bereits erzählt habe, entwarf für mich ein neues Gesicht: eine Erneuerung mit echtem Mehrwert.

Es gab keine volumetrischen Erweiterungen, keine aufbauschende Kur – dafür wurde die innere Erschliessung neu gedacht. Die Integration eines Lifts und neue Wege haben Edy alle idealen Voraussetzungen geschaffen, um aufzuwachsen und erwachsen zu werden.

Die untergeordnete Einheit, jene auf der unteren Ebene, ist zur Dependance von Casa Irma geworden, die inzwischen zu einem Campus umgestaltet wurde. Dort finden Klienten oder Mitarbeitende von atelier ribo+ Unterkunft.

Kapitel V

Frau Giuliana

Meine Geschichte hatte sich bereits mit jener von Christian gekreuzt. Als Student sammelte er in jenem Büro, das mich entworfen hatte, erste Berufserfahrungen. Und noch früher, als seine Mutter mit ihrem neuen Partner ein Haus kaufen wollte und Christian noch ein Jugendlicher war, war das erste Haus, das sie besichtigten, mein Zwillingshaus – das Haus, das neben mir steht. Am Ende entschieden sie sich für ein anderes, in der Via Sottomontagna. Das Treffen mit dem Schicksal war jedoch nur aufgeschoben. Denn meinen neuen Namen verdanke ich Christians Mutter. Ich heisse wie sie: Giuliana.

Kapitel VI

Erinnern, begreifen, erneuern

Frau Giuliana war stets ein Bezugspunkt für Christian und seine Familie, eine grosse Stütze und Inspirationsquelle für seine Weltsicht. Die Lust zu lernen, zu verstehen, zu erinnern – und daraus neue Abenteuer entstehen zu lassen; das Verborgene sichtbar zu machen, was andere nicht wahrnehmen – das sind Eigenschaften, die ich bei Christian stets erkannt habe. Ich glaube, sie rühren auch von der grenzenlosen Zuneigung einer stolzen Mutter her. Einer Frau wie Giuliana. Deshalb bin auch ich stolz, ihren Namen zu tragen und Teil von MCR zu sein.

Epilog

Eine neue Epoche

Mit meiner Übernahme durch Christian und seine Frau Marta – gemeinsam mit Casa Irma und Casa Rivola – ist es so, als hätte sich rund um die Via Monte Ceneri ein Rivola-Areal neu geformt. In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts lagen etwas weiter hangabwärts in Cadenazzo, in der Gegend al Bosco, das Sägewerk, das Wohnhaus und das Geschäft der Familie Rivola. Sie wurden in den Zwanzigerjahren von Pietro Rivola erbaut, dem letzten Bahnwärter am Bahnübergang von Robasacco. Er starb 1925 bei einem tragischen Arbeitsunfall. Er war 39 Jahre alt und hinterliess sechs Kinder. Darunter Guerino, der in den Dreissigerjahren das Sägewerk eröffnete, das später an Guido Pellencini überging. Im Laufe der Zeit blieb nur das Wohnhaus, bewohnt von Pierina – Guerinos Schwester und Tochter Pietros – im Besitz der Rivolas. Das Geschäft erwarb Manfredo Proietti und führte es noch lange als Lebensmittelladen. Ein Jahrhundert später beginnt für die Rivolas in Cadenazzo eine neue Epoche. Der Stamm ist noch fest und bereit, neue Früchte zu tragen. Um mit den Worten zu schliessen, die Diego Invernizzi, Journalist und Schriftsteller, Guerinos Herzensfreund, diesem an einem fernen Tag des Jahres 1983 widmete: «Eichen haben einen festen Stamm und tiefe Wurzeln. Nicht einmal der stärkste Wind kann sie fällen.»

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