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Prolog

Wissen Sie, welches Geräusch für mich Geschwindigkeit und Kraft mit einer vertrauten Atmosphäre verbindet? Den Geist des Fortschritts, die Reiselust und die Sehnsucht nach Hause? Es ist das metallische Klirren der Lokomotivräder auf den Schienen. Ein Klang, den ich gut kenne, denn ich bin gegen Ende des 19. Jahrhunderts gegenüber dem Bahnhof Bellinzona entstanden.

Kapitel I

Die Alpen durchbohren

Es gab eine Zeit, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als sich die Industrien in Europa rasch entwickelten und Güter wie Menschen begannen, sich wie nie zuvor zu bewegen. Waren mussten von Nord nach Süd transportiert werden und umgekehrt. Auch die Menschen wollten die Alpen überqueren — für neue Geschäfte oder einfach um ihre Lebensumstände ein wenig zu verbessern. Oder um Landschaften zu erleben, die sie noch nie gesehen hatten.

Da beschlossen einige Unternehmer, unterstützt von visionären Ingenieuren, die Alpen zu durchbohren. Kilometerlang unter der Erde zu graben, jene Felsen, die vor Millionen von Jahren entstanden waren, mit Spitzhacken, Bohrern und Sprengstoff zu bezwingen.

Kapitel II

Die Eisenbahn kommt

Die gewaltige Herausforderung bestand darin, das lombardische Gebiet, Norditalien, mit den Nordkantonen der Schweiz zu verbinden — Zürich mit Mailand. Und dafür musste man durch den Kanton Tessin, einen noch jungen Kanton, der erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts seinen Autonomiestatus innerhalb der Eidgenossenschaft erhalten hatte.

So veränderte die Gotthardbahn mit dem Bau der Eisenbahntunnel am Gotthard und am Monte Ceneri die Tessiner Gesellschaft und Wirtschaft grundlegend. Die Eisenbahn vereinfachte die Verbindungen mit den Innerschweizer Kantonen und löste die Postkutsche ab. Sie brachte Tausende von Menschen aus Italien zum Arbeiten ins Tessin — für den Bau der Tunnels. Sie erleichterte industrielle Investitionen von jenseits des Gotthards.

Seit ihrer Eröffnung im Jahr 1882, nach zehn Jahren mühseliger Bauarbeiten, haben Millionen von Menschen sie genutzt, um die Alpen zu überqueren.

Kapitel III

Mieter und Russ

Was haben die Dampfwolken der Lokomotive und das «Einsteigen, bitte!» mit meiner Geschichte zu tun? Ohne die Gotthardbahn wäre ich nie entstanden — oder besser: ich wäre anders gebaut worden. Wer mich konzipiert hatte, wusste genau, welche Funktion ich erfüllen sollte. Ich sollte zur Unterkunft jener Eisenbahner werden, die an den Bahnhof Bellinzona abgeordnet worden waren — der Bahnhof selbst war ebenfalls zur Zeit der Gotthardbahn entstanden — und die fern von ihrer Familie lebten, die ein Dach, schlichte Räume zum Schlafen und Kochen brauchten.

In mir wurden acht kleine Wohnungen eingerichtet. Jahrelang, jahrzehntelang wechselten zwischen meinen Wänden die Gesichter von Eisenbahnarbeitern: Gesichter, die ich heute kaum wiedererkennen würde — teils weil sie nicht für ein Leben, sondern für Monate oder wenige Jahre blieben, teils weil sie je nach Schicht zu jeder Tages- und Nachtzeit kamen und gingen: der eine bedeckt mit Fett, der andere mit Russ, wieder einer mit der Last der Erschöpfung, ein anderer mit der Schwermut nach Hause, einer mit dem Duft der Freiheit, ein anderer mit dem Traum des Fortschritts.

Kapitel IV

Ich werde grösser

Meine Besitzer waren die Boggios — zuerst Emilio, dann Italo, schliesslich Angelo. Eine Ingenieursfamilie, leidenschaftlich für Berechnungen und Wissenschaft.

In den Dreissigerjahren des 20. Jahrhunderts wurde beschlossen, mich zu erweitern. Es entstand ein äusserer Anbau, auf jeder Etage wurden Gemeinschaftsbäder eingerichtet. Schon das war ein Fortschritt.

Nach diesem Eingriff schien die Zeit für mich stillzustehen. Das Tessin erlebte den Wirtschaftsboom, überall wurde gebaut, während ich ein nüchternes, minimales, zweckmässiges Haus blieb.

Mit meiner Frontseite schaute ich weiterhin auf den Bahnhof und die Via Pedemonte; auf der Rückseite öffnete sich die Geschichte des Hügels von Daro, und auch ich wurde langsam ein Teil davon.

Kapitel V

Das Zeitalter von AlpTransit

Die Zeiten haben sich geändert, die Ansprüche ebenso — wie man heute sagt: Ich entsprach nicht mehr den Anforderungen des Marktes, und so stand ich leer.

Dann macht die Geschichte manchmal abrupte Wendungen. Chancen entstehen, Reaktionen werden ausgelöst. So geschah es im neuen Jahrtausend. Um mich herum begannen sich die Dinge zu verändern. Eine neue Verkehrsrevolution war dabei, im Tessin zu entstehen. Rund 140 Jahre nach den ersten standen neue Tunnel bereit, noch länger und tiefer, um ins Herz der Alpen vorzudringen. Mit dem Projekt AlpTransit entstanden die Basistunnel am Gotthard und am Ceneri, die die Reisezeiten durch die Alpen verkürzten und grosse Gütermengen von der Strasse auf die Schiene verlegen konnten.

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Kapitel VI

Der Bahnhof macht sich schön

Gegenüber von mir wurde der SBB-Bahnhof Bellinzona — mehr oder weniger meine Altersgenossin — vollständig saniert und modernisiert. Es wurden 36 Millionen Franken investiert, und 2016 wurde sein neues Erscheinungsbild eingeweiht. Dann folgten die Bauarbeiten am SBB-Depot, und sie werden bei den SBB-Werkstätten weitergehen.

Es scheint, als sei alles in Bewegung geblieben. Die Reisezeiten von Bellinzona nach Locarno oder Lugano haben sich erheblich verkürzt. Die Eisenbahn ist zur S-Bahn einer weitläufigen Stadt geworden.

Kapitel VII

Und auch ich bin bereit

All diese Neuigkeiten haben das Interesse an der Nuova Bellinzona neu geweckt. Die Augen von Christian Rivola, einem Architekten aus Cadenazzo, haben sich auf mich gerichtet. Er sah in mir neue Potenziale und entschloss sich, mich zu kaufen. Seit Oktober 2019 gehöre ich nicht mehr der Familie Boggio und bin Teil von MCR family real estate geworden. Christian hat mit seinem atelier ribo+ im Jahr 2020 ein Umgestaltungsprojekt ausarbeiten lassen, und zwischen 2021 und 2023 fand meine Wiedergeburt statt. Ich bin nicht mehr das Haus der Eisenbahner. Möchten Sie wissen, was aus mir geworden ist?

Kapitel VIII

Eine Idee von Arbeit

Von der Welt der Eisenbahn habe ich nicht mehr die Arbeiter, wohl aber die Farbe: meine Fassade ist im typischen Rot der SBB-Bahnhöfe gestrichen. Das Übrige hat sich verwandelt. Die Terrassen in Hanglage sind zu intimen Begegnungsorten im Freien und im Grünen geworden — Gärten zum Meditieren und Kraft tanken. Die Keller mit ihren Gewölben sind erhalten geblieben und in eine Arche des Geschmacks verwandelt worden: Flaschen und regionale Produkte werden dort aufbewahrt, und konviviale Zusammenkünfte können stattfinden.

Die Obergeschosse sind zu Büros und Co-Working-Bereichen sowie zu eleganten, funktionalen Besprechungsräumen geworden, ausgestattet mit Designmöbeln. Ich wurde weiterentwickelt, um eine neue Konzeption des Arbeitsplatzes zu bieten, die auf einer besseren Lebensqualität gründet.

Heute bin ich von Fachleuten und Unternehmen bevölkert, die eine gemeinsame Vision nachhaltiger Entwicklung teilen — das Bewusstsein, dass der Erfolg eines Unternehmens und eines Territoriums nur dann Bestand hat, wenn er auf der Suche nach Gleichgewicht, Harmonie und Schönheit beruht, auf der Fähigkeit, eine Zukunftsvision zu entwickeln. Und jetzt habe auch ich meine. Eine Vision, die Erinnerung und Innovation verbindet. Denn innovieren heisst, ein Erbe von Werten in die Zukunft zu tragen, Erfahrungen neu zu aktivieren. Deshalb haben sie mich Casa Emma genannt, nach Emma Pellegrinelli Cardinali, der Grossmutter mütterlicherseits von Christian. Darauf bin ich sehr stolz.

Epilog

Neugier ist zuhause

Es ist immer schwer vorherzusagen, ob unsere Zukunftsvisionen Wirklichkeit werden können. Deshalb gestehe ich: Ich bin sehr gespannt. Ich würde gerne in die Zukunft schauen und entdecken, welche neuen Projekte in mir entstehen werden. Denn ich spüre, wie in mir eine neue Energie wächst, und ich weiss jetzt, dass es Menschen gibt, die an mich glauben — an mein Potenzial, das zu werden, was man heute «smart» nennt: mich mit Intelligenz den gesellschaftlichen Veränderungen anzupassen. Ich war ein Kind meiner Zeit, als die Eisenbahn kam, und das werde ich weiterhin sein. Meine 140 Jahre trage ich mit Stolz. Um zu hören: «Herzlichen Glückwunsch, du wirkst immer noch so zeitgemäss.»